Wir sind viele - nimm auch du Kontakt auf
Schon in den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beschrieben die Wissenschaftler Cain & Cain die besondere seelische Situation, in der sich Menschen befinden, denen bewusst – oder auch unbewusst – die Aufgabe übertragen wurde, ein Familienmitglied zu ersetzen. Die Bindung zu den Eltern in Schmerz und Trauer ist oft zerbrechlich. Das Kind erlebt, dass der Kontakt nicht verlässlich ist.
Und obwohl dieses Thema unzählige Menschen auf der ganzen Welt betrifft, rückt es doch erst in den letzten Jahren ein wenig in den Blick der Öffentlichkeit. Ich habe hier aus meiner persönlichen und auch spirituellen Sicht geschrieben, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass das „Nicht-Gewollt-Sein“, oder vielleicht besser gesagt, das „Nicht-So-Gewollt-Sein“, Auswirkungen auf mein gesamtes Leben hatte und auch das Gottesbild stark beeinflusste.
Dieselbe Unsicherheit, die mich in der Verbindung zu anderen Menschen hatte ständig erspüren lassen, wie ich denn sein sollte, setzte sich spirituell fort: Die Sicherheit war nur geliehen. An Bedinungen geknüpft. Und letztenendes unerreichbar. Wie grausam angesichts der Vorstellung von einem allmächtigen Wesen, das mich jederzeit prüfen und am Ende zornig verdammen würde. Es brauchte sehr lange, bis ich einen verlässlichen Kontakt zu mir selbst, zu den anderen und auch zu einer liebevollen Gottesvorstellung knüpfen konnte.
Vielleicht hast du damit auch Erfahrungen gemacht?
Vielleicht hat die spirituelle, die Glaubens-Ebene, aber auch gar keine Bedeutung für dich. Oder aber sie sieht ganz anders aus als meine.
In jedem Fall würde ich mich freuen, wenn wir in einen Austausch treten könnten.
Gern hier im Forum oder auch – wenn dir das lieber ist – persönlich. Meine Daten und das Formular, um einen Telefontermin mit mir zu vereinbaren, findest du am Ende der Webseite.
Welche Erfahrungen hast du gemacht? Welche Gedanken, Gefühle, Assoziationen bewegen dich? Alles, was uns auf unserem Weg zu uns selbst weiterbringt, ist wertvoll. Sinnvoll. Ich freue mich auf dich.
Heike
schrieb am 10. Mai 2026
um
19:16
ich bin erst jetzt auf deine Seite gestoßen, obwohl mir bereits seit längerem bewusst ist, woher meine psychischen Probleme kommen.
Ich wurde fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Tod meiner damals 3-jährigen Schwester geboren.
Und wie bei dir machten meine Eltern keinen Hehl daraus, dass ich als Ersatz für die gestorbene Schwester gezeugt wurde. Ich sollte ein Pflaster auf der Wunde meiner Eltern sein und sie von dem unerträglichen Schmerz befreien.
Doch die Rechnung ging nicht auf und das wurde meinen Eltern schmerzlich bewusst.
Durch deine Beschreibung ist mir nochmal deutlicher geworden, wie schwierig die Ablösung von den Eltern mit diesem Auftrag ist. Als ich mit 25 Jahren endlich ausgezogen bin, sagte meine Mutter unter Tränen: "Jetzt habe ich noch eine Tochter verloren". Das Pflaster auf ihrer Wunde wurde abgerissen und die alte, unverarbeitete Trauer schlug mit voller Wucht wieder zu.
Auch ich schätze die Arbeit von Kristina Schellinski sehr und hatte 2022 einen Letter in ihrem Forum geschrieben.
Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dich und deine so wertvollen Beiträge gefunden zu haben und würde mich freuen, wenn es eine Gemeinschaft gibt, die sich auf dem Weg der Individuation bestärken kann.
Liebe Grüße
Heike
Christine
schrieb am 1. Februar 2026
um
20:12
vielen Dank für all die Informationen rund um die Thematik der Ersatzkinder. Durch dich und den Podcast vom VFP bin ich erstmals auf die Begrifflichkeit "Ersatzkind" gestoßen und fühle einen Raum, der sich auftut und in dem ich mich aufgehoben fühlen kann.
Ich falle auch in diese Kategorie und bin bereits in der Kindheit mit dem Wissen aufgewachsen, geboren worden zu sein, um meine Eltern nach dem frühen Tod meines Bruder wieder glücklich machen zu können.
Viele Jahre lang hat mich dieses Wissen begleitet ohne tiefe Spuren zu hinterlassen – so dachte ich. Doch in meinen 30ern tat sich eine große Traurigkeit auf und tiefe Schuldgefühle, die ich zunächst nicht richtig zuordnen konnte. Nach und nach wurde mir bewusst, dass Gedanken wie bspw. `kein Recht auf Leben` oder `eigentlich sollte mein Bruder an meiner Stelle existieren, dann wäre meine Familie eine glücklichere` sich fest in mir verankert haben.
Mittlerweile kann ich solche Gedanken vom Verstand her zwar besser einordnen, doch die Gefühle sprechen manchmal noch eine andere Sprache und ich denke, es liegt noch ein Stück Weg vor mir um meinen Platz auf der Welt zu finden.
Ich kann dir nur zustimmen, der Schlüssel liegt in der Trauer und ihrer Verarbeitung.
Meine Eltern haben ihre Trauer nie bewältigen können, sondern den Weg der Verdrängung gewählt. Doch ich habe die Möglichkeit mich statt ihrer mit ihr auseinander zu setzen und meinem Bruder in liebevollem Andenken den Raum zu schaffen, den er verdient.
Vielen lieben Dank für deine inspirierenden Gedanken!
Alles Liebe
Christine
ich danke Dir von Herzen für Deine wertschätzende Rückmeldung, und dafür, dass du dich dieser Thematik annimmst. Das ist so wertvoll, für die Kinder und Jugendlichen, ebenso wie für die Erwachsenen.
Zu deiner Frage in Bezug auf die Kinder und Jugendlichen:
Was wir aus der Forschung wissen, ist: Wenn Eltern den Verlust eines Kindes wirklich betrauern durften, stehen die Chancen für das nachfolgende Kind viel besser. Es darf öfter einfach es selbst sein und muss nicht in eine stille Rolle als „Ersatz“ rutschen. Dazu gibt es auch zwei sehr interessante Studien, zu denen ich dir hier einmal die Links einstelle:
Being a Child Born After Loss: A Qualitative Research
https://dergipark.org.tr/en/download/article-file/3421264
The Myth of the Replacement Child: Parents’ Stories and Practices after Perinatal Death
https://www.tandfonline.com/doi/10.1080/074811800200595?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori:rid:crossref.org&rfr_dat=cr_pub%20%200pubmed
Beide zeigen, dass offene Kommunikation über das verstorbene Kind und ein Raum, wo es nicht verschwiegen wird und aber auch die lebenden Kinder in ihrer Einzigartigkeit gesehen werden, allen helfen, mit dem Verlust ein doch gutes Leben zu führen.
Ich finde ganz persönlich die Aussage so tröstlich: Trauer ist Liebe, die noch keinen Platz gefunden hat. Auch wenn es schwer ist, und wir nicht an den Schmerz heranwollen, so ist Trauer doch genau der Weg, der uns wieder weich und liebend macht.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass genau dann, wenn ich mich der Trauer hingegeben habe (Rotz und Blasen heulend im Bad, vielleicht), genau dann Wunderschönes entstand: ich mein inneres Kind nach Jahrzehnten der Verdrängung wieder liebevoll in den Arm nehmen konnte, die Liebe zu meinem verstorbenen Bruder fühlen konnte, die mein Leben lang unter Wut verborgen war (ich hatte im Podcast davon gesprochen.)
Tatsächlich glaube ich, dass Trauer der Schlüssel ist. Und ich weiß auch, dass das oft genau das Letzte ist, was wir nach einem schwerwiegenden Verlust hören wollen.
Was ich wichtig finde: Trauer bedeutet nicht, das Band zum Verstorbenen zu kappen. Loszulassen, wie es lange Zeit gelehrt wurde. Sondern – ganz im Gegenteil – einen Platz im Herzen zu finden, in dem der Verstorbe ganz unbelastet von Schuld oder Wut oder was sonst noch an Negativem bindet, einfach in Frieden da sein und geliebt werden darf. Und dann ist das meiner Erfahrung nach dann auch eine wirkliche Koexistenz, die da im Innern entsteht, die das Leben bereichert.
Der Verstorbene wird ein Teil von uns, unseres Lebens. Mit Trauer, mit Schmerz, und auch mit Dankbarkeit für sein, vielleicht nur kurzes, Sein hier auf der Erde. Und ganz viel Liebe. Ich glaube ganz persönlich, dass immer etwas von uns bleibt.
Der Bundesverband Verwaiste Eltern und Trauernde Geschwister Deutschland e.V. hat ein breites Angebot für Betroffene und Begleiter. Und auch eine richtig gute Übersicht mit empfehlenswerten Büchern rund um den Tod eines Kindes zusammengestellt. Auch Sternenkinder kommen darin vor.
https://www.veid.de/hinweise-fuer-trauernde/buchempfehlungen
Vielleicht ist da etwas dabei, das du Eltern an die Hand geben kannst.
Ich denke, Trauer braucht kleine, sanfte Schritte, eine Einladung und ein Raum, der Sicherheit bietet. Und das Wissen, das gar nichts zu erzwingen ist. Manchmal reicht schon eine Frage wie: „Was bin ich gerade noch nicht bereit zu fühlen?“ und plötzlich öffnet sich was. Die eigene Hand auf dem Herzen, die Halt gibt.
Tara Brach hat ein wunderschönes einfaches Modell entwickelt, wie wir mit Gefühlen in Kontakt kommen können – RAIN:
R – Recognize (Erkennen): Was ist gerade da? / A – Allow (Zulassen): Es darf sein. / I – Investigate (Erforschen): Was brauche ich, was schmerzt? / N – Nurture (Nähren): Wie kann ich mir jetzt selbst guttun?
Materialien dazu gibt es frei verfügbar auf ihrer Webseite (englisch): https://www.tarabrach.com/rain/
Ihr Credo: Das Leben lieben. Egal was passiert.
In einem Kurs zitierte Tara Brach einmal ein Gedicht von Rosemerry Trommer: More Love, More Love | A Hundred Falling Veils
More Love, More Love
May 31, 2020 by Rosemerry
Sorrow is how we learn to love.
—Rita Mae Brown, Riding Shotgun
If sorrow is how we learn to love,
then let us learn.
Already enough sorrow’s been sown
for whole continents to erupt
into astonishing tenderness.
Let us learn. Let compassion grow rampant,
like sunflowers along the highway.
Let each act of kindness replant itself
into acres and acres of widespread devotion.
Let us choose love as if our lives depend on it.
The sorrow is great. Let us learn to love greater—
riotous love, expansive love,
love so rooted, so common
we almost forget
the world could look any other way.
„Wenn wir durch Leid lernen zu lieben, dann lasst uns lernen. Es wurde bereits genug Leid gesät, damit ganze Kontinente in erstaunlicher Zärtlichkeit erblühen können. Lasst uns lernen. Lasst Mitgefühl wie Sonnenblumen entlang der Autobahn wuchern. Lasst jede gute Tat sich selbst in weitläufiger Hingabe wieder neu pflanzen. Lasst uns die Liebe wählen, als hinge unser Leben davon ab. Das Leid ist groß. Lasst uns lernen, noch größer zu lieben. Ausgelassene Liebe, weitreichende Liebe. Liebe, die so tief verwurzelt und so alltäglich ist, dass wir fast vergessen, dass die Welt auch anders aussehen könnte.“
Ich danke dir sehr, liebe Nicole, für dein Herz und deine Wärme.
Ganz herzliche Grüße
Frances
ich wurde durch den Podcast vom VFP mit dir auf dich und das Ersatzkind-Syndrom aufmerksam. Als Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeite ich mit Menschen, auf die die Symptomatik zutrifft und die eine entsprechende Biographie aufweisen. Ich bin sehr dankbar für diesen neuen Blickwinkel.
Nun habe ich noch eine Frage. Wenn ich Kinder oder Jugendliche habe, auf die all dies ebenfalls zutrifft, was kann ich tun? Wie kann ich den Eltern nahe bringen, was sie so perfekt zu verdrängen wissen? Gerade wenn das tote Kind vielleicht "nur" eine Fehlgeburt war und selbst die Ärzte eine zügige neue Schwangerschaft empfohlen hatten? Gibt es Literatur für die Eltern? Um frühzeitig den jungen Ersatzkindern helfen zu können?
Ganz herzliche Grüße
Nicole
Magdalene
schrieb am 2. Februar 2025
um
16:20
Wie aus dem Nichts ist dein Video mit dem ERF aufgetaucht und ich hatte die ganze Zeit eine Gänsehaut. Endlich weiß ich, dass ich nicht verrückt bin, mir nichts eingebildet habe, all die Jahre. In jedem der Artikel auf deiner Seite finde ich mich wieder. DANKE das ich mit fast 44 Jahren erfahren darf, es gibt Hoffnung auf eine eigene Identität und man darf ankommen.
Ich wünsche Dir alles Glück das DU dir wünscht.
Liebe Grüße
Magdalene
Es ist nicht die Vergangenheit, die uns definiert. Sondern die Zukunft, die noch vor uns liegt.