Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Lebenserfahrung

Brücke vor Sonnenaufgang. Dieser Artikel soll einen Brückenschlag zwischen gelebtem Leben und Wissenschaft erzielen. Genau das, was sowohl Ersatzkinder als auch Menschen in Beraternden und therapeutischen Berufen, Wissenschaft und Forschung weiterbringt.
Lesedauer 5 Minuten

Ersatzkinder – ein Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Erfahrung

„Ihre Erfahrungen werden Schätze sein.“

Eva Kersting

Mit diesen Worten zog Eva Kersting Resümee, als ich mit der Erzählung meines bisherigen Lebens endete. Fünfzig Jahre, mit denen ich haderte, Entscheidungen, die ich bereute und Begegnungen, die ich mir gerne erspart hätte. Ich war gerade dabei, aus einer Depression aufzutauchen. Einem seelischen Tief, das so paradox erschien, nachdem ich doch einige Monate zuvor genau den einen Satz gehört hatte, für den man alles gibt:

„Sie sind gesund. Fangen Sie ein neues Leben an.“

Doch statt zu feiern, ging ich in die Knie: Denn ein neues Leben zu beginnen, das bedeutete, das alte zunächst genauer in den Blick zu nehmen. Ein Prozess, der bereits in einer dunklen Nacht im Krankenhaus begann, brach sich eher Bahn, als dass ich ihn bewusst angestoßen hätte: Schau. Jetzt. Hin!

Erfahrung als Fundament für Veränderung

Wie viel Authentizität lebte ich eigentlich? Was davon waren fremde Aufträge, übernommene Schuldgefühle und Scham, die gar nicht zu mir gehörte? Und welche doch?

Die Bilanz war ein Weckruf. Nein, sie war nicht so erschütternd wie befürchtet, denn Gott sei Dank war ich schon Jahre zuvor immer wieder gescheitert. Schmerzhaft, beschämt, aber dadurch auch stets gezwungen, mich neu zu orientieren.  Und es waren mir dadurch Erfahrungen geschenkt worden, an denen ich mich heute wie an einem roten Faden entlang taste:

Denn ich glaube, genau dort, wo ich nicht mehr funktionierte, genau dort waren die echten Momente.

Die Situationen, in denen ich mich über mich selbst wunderte, für die ich mich verurteilte und die ich aber immer wieder herbeiführte, das sind, so denke ich, genau die Augenblicke, in denen ich vielleicht nicht gut war. Aber ganz echt.

Auch das hatte mir Eva Kersting mit harten und herzlichen Tritten gegen das Schienbein vermittelt: Perlen entstehen dort, wo Dreck in eine Muschel gelangt. Und genau diese „dreckigen“ Stationen sind es wert, angesehen zu werden: Hier schlummert Wahrheit, die keiner sehen will. Am allerwenigsten ich selbst.

Ich dachte, ich wüsste, wie Leben funktioniert.

Denn ich lebe meines ja schon seit etlichen Jahrzehnten. Und doch war da so vieles anders, als ich es bei anderen Menschen beobachtete. Ihr Leben erschien mir müheloser, ihre Schritte sicherer. Ihr Lachen freier. Ich nahm es als gegeben hin. Das ist es, was ich heute als so verrückt empfinde.

Obwohl es so folgerichtig ist: Ich spürte den fremden Rucksack auf meinen Schultern schon lange nicht mehr. Das Laufen wie auf Eierschalen, das vorauseilende Erspüren, was mein Gegenüber von mir erwartete – es war meine Normalität. Die irrwitzige Aufgabe, eine andere zu sein als die, die ich bin, habe ich fünf Jahrzehnte lang noch nicht einmal gewagt, zu hinterfragen.

Im Außen waren meine Auftraggeber schon lange nicht mehr am Leben. Doch in meinem Inneren existierten sie weiter. Als innere Kritiker, die mich antrieben: So haben wir uns dich nicht vorgestellt. Sei anders, sei besser – und wag es doch nicht. Sie waren ein Teil von mir. Sind es noch.

Ihre Verbote an mich wurden zu meinen eigenen. Ich gehorchte. Und wagte so vieles noch nicht einmal zu denken.

Das, was für andere Menschen ganz selbstverständlich ist, wurde für mich immer und immer wieder zum Sündenfall: Leichtigkeit. Widerspruch. Wut. – Wie konnte ich nur? Viel zu mächtig waren da die Gedanken in mir: „Du solltest dich was schämen, so glücklich zu sein!“

Erst mit über fünfzig Jahren begriff ich: Die Erlaubnis, ich selbst zu sein, wird mir niemals jemand geben. Und: Ich kann das selbst. Ich darf das.  – Nicht allen wird es gefallen. Muss es auch nicht.

Das Ding ist: Man muss das erst mal denken können.

Darum denke ich hier laut: Für Menschen, die dachten, sie müssten funktionieren, um geliebt zu werden. Für jene, die sich unter ihrer eigenen Anpassung selbst verlieren.

Moderne Brücke in Japan als Metapher für Wissenschaft und Forschung, die Ersatzkinder in den Fokus rückt

Für Ersatzkinder: die Wissenschaft

Es gibt ein Recht auf die eigene Wahrheit. Unter all den Schichten aus Projektionen, Moralvorstellungen, Glaubenssätzen, Vorwürfen und Fremdaufträgen, sozialen, kulturellen, familiären und religiösen Normen liegen so simple wie brisante Wahrheiten verschüttet:

  • Du darfst fühlen, was du fühlst.
  • Gib niemandem Macht über deine Wahrnehmung.
  • Schuld, Scham, Zweifel und Angst sind dienlich. Die Frage ist nur, wem?
  • Freiheit ist nur möglich, wenn du nein sagen kannst.
  • Und dieses Nein ist ein vollständiger Satz.

Das zu erkennen, hat mir letztes Jahr das Leben gerettet.

Und das erobere ich mir jetzt zurück: Wer bin ich? Was trägt mich? Raus aus den Projektionen, und Schritt für Schritt rein in die Identität. Manchmal schaue ich staunend zurück und reibe mir die Augen. Was habe ich da eigentlich mit mir machen lassen?!

So ist das, wenn man aufwacht. Doch hier ein Gedanke, der mich tröstet: Alles, was wir getan haben, hatte einen guten Grund. Immer. Auch wenn das Ergebnis hin und wieder zu wünschen übrig lies.

Hintergrundwissen schafft Verständnis für uns selbst.

Ich lese, was das Zeug hält, knüpfe Verbindungen, spreche mit Expert:innen: Es tut so gut, wenn Sinn entsteht. Dort, wo ich mich im Chaos aus Projektionen, Schweigen, Abwehr und Geheimnissen verlor. Wissen ist das Fundament. Klarheit macht den Weg frei.  

Fang ein neues Leben an. Niemand hatte eine Ahnung, wie tief die Veränderung gehen würde. Altes liegt in Trümmern, Brücken wurden abgerissen, manch einer ist empört. Ich bin manchmal noch unsicher. Aber auch ein bisschen stolz.

Und es fühlt sich einfach so verdammt gut an.

Wahrheit, Authentizität und Freiheit sind ihren Preis so was von wert. Und wenn ich den einen oder die andere hier noch inspirieren kann, dann hat es sich erst recht gelohnt.

Holzbrücke in wilder Natur als Metapher für das Leben und die Erfahrung von Ersatzkindern, die Forschung, Wissenschaft und Psychotherapie vorantreiben kann

Für Experten aus Wissenschaft & Forschung, Therapie & Beratung: das Leben

Das schreibe ich hier nicht allein aus der Perspektive einer Traumafachberaterin, sondern vor allem als Betroffene. Als Ersatzkind aufgewachsen, bin ich selbst durch viele Therapien gegangen und kenne die Dynamiken nicht nur aus Büchern, sondern aus eigener Erfahrung. Diese biografische Expertise, so wenig ich sie mir freiwillig ausgesucht hätte, empfinde ich heute nicht mehr als Mangel. Sondern als einen Schatz, der es mir ermöglicht, genau das weiterzugeben, was ich selbst mühsam gesucht habe:

Den Schlüssel zum Verständnis all des Unerklärlichen, Unaussprechlichen und teilweise auch Unaushaltbaren, was mein Leben wortlos begleitete. Des Krieges in mir selbst um meine eigene Daseinsberechtigung. Diesem existenziellen Kampf, in dem ich glaubte, mich zwischen Liebe und Leben, Existenzberechtigung und Individuation entscheiden zu müssen.

Was mich in diesem Themenfeld auszeichnet, ist der doppelte Blickwinkel. Ich verstehe die Sprache der Fachwelt und kenne zugleich das innere Erleben, das hinter den Begriffen liegt. Diese Kombination erlaubt es mir, Dynamiken sichtbar zu machen, die im Alltag leicht übersehen werden. Damit möchte ich einen Beitrag leisten, die Kluft zwischen Theorie und gelebter Erfahrung zu überbrücken.

Mein Anliegen ist es, Wissen und Erfahrung so aufzubereiten, dass Fachexperten aus Wissenschaft und Forschung, Therapie und Beratung darin Anregungen und Impulse finden, die ihre eigene Arbeit bereichern können. Ohne den Anspruch, fertige Lösungen zu liefern, sondern als Einladung, genauer hinzusehen. Denn mein eigener Weg hat mir gezeigt: Heilung beginnt dort, wo das Unsichtbare benannt wird. Genau hier liegt die Chance für therapeutische und beraterische Arbeit – Betroffenen zu helfen, den eigenen Platz im Leben zu finden und die Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Mein Ziel ist es, einen gemeinsamen Lernprozess anzustoßen über Ersatzkind-Dynamiken und ihre Bedeutung für das Verständnis von Identität und Heilung. Dabei verknüpfe ich Wissen aus der systemischen Biografiearbeit, Trauerbegleitung, Traumapädagogik, Journalismus und Didaktik mit meiner ganz persönlichen Lebenserfahrung. Diese Mischung ermöglicht es mir, Brücken zwischen Praxis, Forschung und Erfahrung zu schlagen.

Wenn Sie Interesse an einem Austausch oder einer Zusammenarbeit haben, lade ich Sie von Herzen ein: Nehmen Sie Kontakt mit mir auf. Denn gemeinsam können wir verhindern, dass Ersatzkinder ein Leben lang im Schatten bleiben.

Regenbogen über Golden Gate Bridge in rot. Metapher für die Verbindung von erfahrung eines ersatzkindes und therapeutischer erfahrung, forschung und wissenschaft, aus der großes entstehen kann

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